Im Moment handlungsfähig bleiben
Ich kenne diese Momente im Job ziemlich gut. Man ist im Gespräch, hat einen Gedanken sauber aufgebaut, alles fühlt sich sortiert an und dann kommt eine Nachfrage dazwischen. Nicht laut, nicht aggressiv und doch fällt der eigene Gedankengang kurz auseinander.
Nach außen passiert meistens nichts Dramatisches. Innen schon eher: Der Satz ist noch da, aber der Einstieg fehlt. Für einen Moment entsteht so eine Art Leerlauf im Kopf.
Was ich früher daraus gemacht habe
Früher habe ich genau solche Situationen als Bruch erlebt. Ich habe versucht, schnell wieder Anschluss zu finden, irgendwie die Lücke zu überbrücken, bloß nicht zu lange zu pausieren. Oft kam dann etwas halb Zufriedenes raus und selten das, was ich eigentlich sagen wollte. Und genau dieses Gefühl ist hängen geblieben: Ich weiß es eigentlich und ich komme gerade nicht dran.
Improtheater hat meinen Blick darauf verändert
Der erste Kontakt mit Improtheater hat das für mich ziemlich verschoben. Nicht, weil dort besonders kluge Antworten trainiert werden. Sondern weil dort genau diese Momente bewusst entstehen: Unsicherheit, Unterbrechung, neue Impulse, und kein Plan, der einen auffängt. Am Anfang war das ungewohnt. Man steht da, sagt etwas, reagiert auf andere und merkt ziemlich schnell, wie stark man eigentlich gewohnt ist, Kontrolle zu behalten.
Drin bleiben, statt aussteigen
Was sich für mich verändert hat, ist etwas relativ Einfaches. Ich bleibe länger im Moment drin, auch wenn es kurz wackelt und versuche nicht mehr sofort, die Lücke zu füllen. Ich gebe mir diesen kleinen Augenblick, in dem sich der Gedanke wieder sortieren darf. Und erstaunlicherweise kommt er meistens genau dann zurück.
Schlagfertigkeit fühlt sich heute anders an
Früher habe ich Schlagfertigkeit mit schnellen Antworten verbunden. Heute erlebe ich sie eher als eine Art Ruhe im Moment. Eine kurze Pause, in der nichts passiert, wirkt nach außen oft stärker als jede sofortige Reaktion. In dieser Pause entsteht etwas wie Orientierung und aus dieser Orientierung heraus entsteht die Antwort.
Theaterarbeit verändert mehr als nur das Reagieren
Was ich an theaterpädagogischer Arbeit zusätzlich spannend finde, ist der Blick auf Situationen selbst. Wenn man Rollen wechselt, Szenen entwickelt oder spontan reagieren muss, beginnt man automatisch, genauer hinzuschauen: Was passiert hier eigentlich zwischen den Menschen? Welche Dynamik entsteht gerade? Wie verändert sich die Situation durch meine Reaktion? Das macht etwas mit der Art, wie ich Gespräche im Alltag wahrnehme.
Wirkung im Arbeitsalltag
Wenn ich das auf den Arbeitskontext übertrage, zeigt sich die Veränderung sehr konkret im Verhalten:
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Gespräche in Meetings werden klarer geführt, auch wenn spontane Fragen dazukommen
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Rückfragen von Kundinnen und Kunden lassen sich ruhiger aufnehmen und weiterführen
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In Führungssituationen entsteht mehr Klarheit im Umgang mit unerwarteten Wendungen
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Druckmomente verlieren schneller ihre Blockadewirkung
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Entscheidungen entstehen leichter in Situationen, in denen noch nicht alles vollständig geklärt ist
Im Kern verändert sich nicht das Wissen selbst, sondern die Art, wie Menschen im Moment darauf zugreifen und damit arbeiten.
Kleine Situationen, große Wirkung
Die Veränderungen zeigen sich selten in einem einzelnen Aha-Moment. Viel häufiger entstehen sie Schritt für Schritt: in einem Meeting, das trotz kritischer Nachfragen konstruktiv weiterläuft. In einem Kundengespräch, in dem unerwartete Einwände souverän aufgegriffen werden. In einer Führungssituation, die auch unter Druck Klarheit behält. Genau dort wird sichtbar, was Improtheater und theaterpädagogische Methoden fördern: die Fähigkeit, im Moment präsent zu bleiben, flexibel zu reagieren und auch in ungeplanten Situationen handlungsfähig zu sein.
Wer diese Erfahrungen regelmäßig macht, entwickelt mehr Vertrauen in die eigene Wirkung und in die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen. Das stärkt Selbstbewusstsein, fördert Schlagfertigkeit und schafft die Grundlage für eine Kommunikation, die auch dann trägt, wenn der Verlauf eines Gesprächs nicht vorhersehbar ist.Und genau darin liegt die besondere Stärke von Improtheater: Es trainiert nicht die perfekte Antwort, sondern die Fähigkeit, dem Moment zu vertrauen.
Ihr René
